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Achtsamkeit & chronische Schmerzen Teil 1

Aktualisiert: 15. Juni


Wenn ich über Achtsamkeit schreibe, muss ich ein wenig aufpassen, nicht ausufernd zu werden. Deshalb habe ich den Text in zwei Teile geteilt.

Selbst meditiere ich seit nunmehr 26 Jahren und leite seit 12 Jahren eine buddhistische Meditationsgruppe, kann also inzwischen auf einige Erfahrung zurückblicken, wenn ich auch nicht wirklich von dem Gefühl loskomme, immer noch ein Anfänger zu sein. Also werde ich hier versuchen, mich am Riemen zu reißen und kurz zu halten. Das birgt natürlich immer die Gefahr der Vereinfachung oder Auslassung wichtiger Details in sich. Falls Dir Punkte auffallen, die ich nicht angesprochen habe, lass es uns doch einfach in den Kommentaren da.


Was ist Achtsamkeit?

Und hier fängt das Drama schon an. Je nachdem aus welcher Schule ich darauf schaue, wird Achtsamkeit jeweils anders definiert. So kommt es, dass wir in einer Zeitschrift etwas als Achtsamkeit verkauft bekommen, was sich in einer anderen schon ganz anders liest und dann sehen wir ein YouTube Video und dort wird es wieder anders dargestellt. Und die haben wieder oft wenig mit dem zu tun, worauf sie sich berufen (Buddhismus, Hinduismus, Taoismus usw.). Worin sich die meisten wohl einig sind ist, dass es darum geht, die Aufmerksamkeit auf den Moment hier und jetzt zu richten. Das will ich aufgreifen.


Jon Kabbat-Zin entwickelte in den 1980er Jahren aus seiner eigenen Meditationserfahrung heraus ein Programm für chronische Schmerzpatienten, dass erstaunliche Ergebnisse zeigte. Er nannte es „Mindfulness Based Stress Reduction“ (MBSR) und löste damit einen guten Teil der Achtsamkeitswelle aus, die bis heute über viele Teile der Welt anhält und in eine Reihe von Psychotherapiemethoden einfloss. Folgend kam auch in der Wissenschaft eine Welle auf, Achtsamkeit zu beforschen. Damit wir hier wissen, worüber wir reden, beziehe ich mich auf die Definition von Achtsamkeit von Jon Kabat-Zinn:


„Achtsamkeit heißt, auf eine besondere Weise aufmerksam zu sein:

absichtlich,

genau in diesem Moment

und ohne zu urteilen.“



Klingt erst einmal einfach, oder? So ein bisschen auf den Moment konzentrieren? Klappt schon! Nicht urteilen? Hmm, etwas kniffelig, wird aber hinzukriegen sein! Tatsächlich ist das eine Fertigkeit. Und wie alle Fertigkeiten kriegt an das nur mit Übung so richtig hin. Achtsamkeit ist wie ein Muskel – sie wächst, wenn sie trainiert wird.


Ist das nicht ein Modeding, das mit der Achtsamkeit?

Tatsächlich bin ich von dem Begriff Achtsamkeit gar nicht mehr so angetan. Inzwischen rede ich schon kaum noch von Achtsamkeit, sondern sage immer, dass es darum geht voll und ganz präsent zu sein. Meint das gleiche, ist aber nicht so mit der Modehaftigkeit behangen. Überall lesen wir etwas darüber und irgendwie scheint es schick zu sein und, ja, einen hammerhart zu besseren Leistungen zu bringen – besser, effektiver arbeiten, schneller rennen, besser und sicherer andere erschießen (kein Witz, es wird teilweise in der Ausbildung für Scharfschützen eingesetzt). Achtsamkeit als der ultimative Weg zu Selbstoptimierung – höher, schneller, weiter. Wer das in meinem Blog sucht, wird leider enttäuscht. Genau darum geht es hier nicht!


Achtsamkeitstechniken sind auch nicht neu, sondern uralt. Im Hinduismus, im Buddhismus und fast allen anderen spirituellen Traditionen dieser Welt sind Menschen darauf gekommen, dass viel unserer geistigen (inneren) Unruhe vom ständigen Hin- und Herspringen unseres Geistes ausgeht. Es ist kein esoterischer, moderner Firlefanz, sondern eine Jahrtausende alte, erprobte Fertigkeit im Umgang mit dem eigenen Geist – ganz unabhängig von irgendwelchen Glaubensrichtungen.

Es geht darum, wie wir mit dem umgehen, was in uns auftaucht, seien es Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen oder Sinneseindrücke. Wie können wir beispielsweise Schmerzen innerlich begegnen, so dass sie uns nicht komplett aus der Bahn werfen? Wie können wir Dinge trotz Schmerzen tun, die uns am Herzen liegen? Wie können wir mit den teils schwierigen Gedanken umgehen, die auftauchen, statt uns von ihnen an die Leine legen zu lassen und automatisch auf sie zu reagieren?

Früher ging es darum wie Menschen geistige Ruhe und Gelassenheit erlangen können und heute können wir davon genauso profitieren.


Warum Achtsamkeit bei chronischen Schmerzen?

Puh, also jetzt, da ich diese Dinge erst einmal klargestellt habe, kommen wir zum eigentlichen. Ich wusste doch schon am Anfang wie schwierig es wird, mich zu begrenzen.

Schmerzen haben etwas, das uns mächtig aus der Bahn werfen kann. Da sie Teil eines Überlebenssystems sind, dürfen sie nicht nett, sondern müssen deutlich sein. Sie sind äußerst schwierig zu erdulden und lösen oft eine Reihe von Gefühlen und Gedanken aus, auf die wir meist automatisch reagieren. Unser Körper möchte das! Er weist uns auf etwas hin und will, dass wir uns darum kümmern, damit dieser Zustand aufhören oder heilen kann ... jetzt! In den allermeisten Fällen reagieren wir automatisch und je öfter wir so reagieren, um so besser lernt unser Körper diese Reaktion und bietet sie uns immer schneller, selbstverständlicher und automatischer an. Das nennen wir den Autopiloten!


Der Autopilot

Der Autopilot ist mächtig! Fast alles, was wir den Tag über tun läuft über ihn. Glaubst Du nicht? Dann überleg doch mal, wie automatisch das Lesen dieses Textes geklappt hat und vergleiche es mal damit wie es war, lesen zu lernen. Oder Kaffee kochen, Autofahren, laufen, Zähneputzen oder das Drücken einer Türklinke. Selbst die Körperhaltung, in der Du Dich jetzt befindest, wieviel von ihr hast Du willentlich herbeigeführt? Der Autopilot begleitet uns über den ganzen Tag. Wozu ist er da? Er macht das Leben einfacher. Stell Dir vor, Du müsstest über all die Dinge nachdenken, bevor Du sie tust. Wäre das nicht anstrengend?


Wo ist jetzt der Pferdefuß? Wir gewöhnen uns leider nicht immer Dinge an, die uns langfristig helfen und dies ist vor allem bei chronischen Leiden oft der Fall. Was kurzfristig gut hilft, versagt seine Hilfe leider allzu oft langfristig. Dazu gehören eine ganze Reihe der üblichen Strategien, die wir bei chronischen Schmerzen anwenden. Über die Zeit entsteht dann Leiden. Und es schleicht sich nach und nach heran – in Form von Angst, Frust, Hilflosigkeit, Wut usw.


Die Idee von Achtsamkeit ist es, aus dem Autopiloten aussteigen zu können. Du lernst, innerlich die Pausetaste zu drücken, und nicht automatisch mit all Deinen Erlebnissen im Moment mitzuschwimmen. Das ermöglicht Dir, Dich in diesem Moment auch anders entscheiden zu können – für einen neuen, vielleicht sinnvolleren Weg. Das ist die erste wichtige Funktion von Achtsamkeit bei chronischen Schmerzen.


- Weiter geht es im 2. Teil -


Wir haben ein Webinar, dass genau dieses Thema behandelt. Da es sich um ein Vortrag von Gideon handelt, findet das Webinar live statt.

Hier kannst Du Dich auf die Warteliste für unser

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