Schmerz & Stress - schmerzempfindlicher, reizbarer und häufiger krank?

Aktualisiert: 12. Dez 2020


Stress ist lange nicht so fies wie sein Ruf! Das muss ich von vornherein einmal festhalten! Stress ist das Salz in der Suppe des Lebens und wohl dosiert oder kurz und heftig ist er prima und unser Körper darauf ausgelegt, genau damit umzugehen … es sei denn er wird chronisch. Chronische Schmerzen bedeuten leider auch oft chronischen Stress. Das passiert ganz automatisch, weil die körperliche Stressreaktion ein natürlicher Teil unserer Reaktion auf Akutschmerz ist, und ganz nebenbei, dafür auch hochgradig sinnvoll. Dummerweise hält auch diese Reaktion bei chronischen Schmerzen meist an.

Hier zeige ich Dir Folgen von chronischem Stress, die nicht allgemein bekannt sind, Dir aber vielleicht eine Idee geben können, was mit Dir los ist.

Stress ist eine durchaus körperliche Reaktion, die dazu dient, uns zu mobilisieren - natürlich auch psychisch, doch darum soll es hier ausnahmsweise mal nicht gehen.

Unser Körper hat grundsätzlich zwei Wege, wie er das macht. Ganz flott über die Nerven und dann noch über Hormone und Botenstoffe, die viele Funktionen im Körper lenken. Das ist flott, dauert aber ein paar Sekunden länger. Und genau diesen zweiten Weg will ich mit Dir anschauen. Da passiert ganz viel, daher greifen wir uns zwei wichtige Effekte dieser Reaktion heraus.

Fast jeder mit chronischen Schmerzen macht die Erfahrung, dass wir automatisch angespannter sind, eine kürzere Lunte haben, uns schlechter konzentrieren können, das Gefühl haben schusselig zu sein, schlecht schlafen usw. Kurzum, wir erleben Stresssymptome. Wenn die Schmerzen lange anhalten oder schnell hintereinander wiederkommen, erleben wir so etwas evtl. ziemlich oft, und irgendwann hat das dann recht unschöne Auswirkungen. Das liegt einfach daran, dass unser Körper wenig die Möglichkeit bekommt, dieser Reaktion gegenzusteuern. Dadurch kann es passieren, dass immer mehr Funktionen „aus dem Tritt geraten“. Das gilt für psychische Funktionen wie Konzentration und Gedächtnis, aber auch für körperliche wie Blutdruck, Immunfunktionen, bleibende Müdigkeit oder beispielsweise Muskelspannung. Letztere zeigt sich eher in chronischer Anspannung - gerne in der Rücken-, Nacken- und Kopfmuskulatur.

Die Rolle von Cortisol

Zum einen ist da das Cortisol aus der Nebeniere - jawoll, klingt ein wenig wie Kortison und die beiden sind auch eng miteinander verwandt. Kortison kennen wir als den künstlichen Zwilling des natürlichen Cortisols. Das eine produziert unser Körper, das andere eine Pharmafirma - dabei stimmt das nicht ganz so, denn unsere Nebenniere produziert auch Kortison, das wissen nur nicht so viele.

Cortisol trägt zur Erhöhung unseres Herzschlages bei und hemmt unsere Immunfunktion und damit Entzündungen, wenn der Level im Blut hoch genug ist. Hochsinnvoll, wenn wir in akuter Gefahr sind und evtl. verletzt werden. Stell dir vor, Du musst um Dein Leben kämpfen, wirst verletzt, überlebst und kurz danach verstirbst Du an einer heftigen Entzündungsreaktion. Damit das nicht passiert, hat die Natur u.a. die Funktion von Cortisol erdacht. Es ist aber ziemlich doof, wenn wir ständig gestresst sind und über lange Sicht immer infektanfälliger werden weil unser Immunsystem ständig runtergedrückt wird. Immer wenn Druck und Stress länger anhalten kann das passieren und eine ganze Reihe von Menschen kennt das nach Trennungen, bei finanziellen Schwierigkeiten, Verlusten, nach schwierigen medizinischen Eingriffen, Traumata … oder aber auch bei chronischen Schmerzen. Scheinbar plötzlich werden wir immer häufiger krank als früher.

Unser Herz ist auch super wenn es so sein Arbeit tut. Wenn es aber auch ständig spürbar etwas flotter puckert und wir wollen einschlafen, ist das mehr als lästig. Vielleicht ist da gerade wieder eine Ladung Cortisol unterwegs und treibt es an.

Bei chronisch starkem Stress hat Cortisol allerdings noch eine fiese Nebenwirkung, es verschlechtert unsere Verarbeitung im Gedächtnis. War da am Anfang nicht etwas von wegen schusselig und unkonzentriert sein? Von Menschen mit psychischen Traumata wissen wir, dass eine anhaltende posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sogar zu schlechterer Orientierung führen kann, da sich durch den Einfluss des Cortisols z.B. die Masse an Nerven in den entsprechenden Gebieten im Mittelhirn (Hippocampus) verringert. Zusätzlich setzt es die Wahrscheinlichkeit eine Insulinresistenz zu entwickeln, und damit Diabetes Typ 2, hoch. Was für die momentane Gefahr prima klingt, kann auf die Dauer dann doch gruselig werden. Letztere Punkte gelten aber nur bei extremem Stress.

Sensibilisierung durch das Immunsystem: Cytokine

So ein Immunsystem ist aber auch ziemlich komplex und lässt sich nicht so einfach ganz unterdrücken - auch nicht vom Cortisol. Erst neuerdings wissen wir, dass ein Teil des Immunsystems unter Stresshormonen dazu tendiert aktiver zu werden. Gemeint sind bestimmte Cytokine. Das sind Proteine, die Signale zu andere Zellen im ganzen Körper senden können, um dort entsprechende, meist sehr hilfreiche, Reaktionen auslösen zu können.

Bezogen auf chronische Schmerzen finden wir da allerdings zwei recht blöde Effekte - unser Körper hat sich einfach nicht für so chronische Sachen evolutionär entwickelt. Zum einen gibt es ein paar Cytokine, die unsere sensorischen Nerven sensibler machen. Das heißt, dass diese Nervenfasern schneller reagieren und somit schneller Veränderung oder Probleme an das Gehirn melden - wir also auf immer kleinere Reize mit Schmerzen reagieren und sich unsere hauseigene Alarmanlage immer mehr verstellt. Andere von diesen Cytokinen rufen Entzündungsreaktionen hervor. Diese Entzündungen können überall im Körper eine Rolle spielen. Meistens sind die Entzündungen nicht lebensgefährlich, da unser Immunsystem ja nicht plötzlich verrückt spielt. Doch können hierdurch weitere Schmerzen entstehen. So werden wir immer schmerzempfindlicher und die Schmerzen nehmen zu … fiese, oder? Ausführlichere Darstellungen finden sich bei Parks (1) oder, wer es gerne ganz wissenschaftlich mag, bei Egle et al.(2).


Die hier beschriebene Effekte der Stressreaktion sind ein guter Grund etwas dafür zu tun, dass unser Stresssystem etwas herunterfährt. Gute Möglichkeiten bieten Bewegung (je nachdem, was Dir möglich ist) oder Entspannungsverfahren. Probiere aus, was Dir gut tut, da gibt es kein Richtig oder Falsch, außer falsch verstandenem Ehrgeiz, der, vor allem beim Sport, zu mehr Schmerzen führt. Sei neugierig, probiere verschiedene Dinge aus, bis Du etwas findest, was die Spaß macht. Für die Entspannung könnten es Qi Gong, Tai Chi, Yoga, progressive Muskelentspannung, Selbsthypnose, Meditation, Atemübungen und, und, und sein.

Eine ganz einfache Übung, mal innerlich den Pauseknopf zu drücken und mit der Atmung zu arbeiten findest Du über den hier: Atempause


Hier noch das Video, dass ich zu dem Thema gemacht habe:




Literatur:

(1) Parks, E. (2020). Chronic Pain Rehabilitation. Wandering Words Media

(2) Egle, U. et al. (2016). Stress-induzierte Hyperalgesie (SIH). Neurobiologische Mechanismen

und ihre Konsequenzen für die sozialmedizinische Begutachtung chronisch Schmerzkranker.

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