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Massage bei chronischen Schmerzen

Aktualisiert: Apr 1


Heute traue ich mich mal weit raus: Massage - das heiße Eisen in der Schmerztherapie.

In diesem Beitrag wird es um die Vor- aber auch Nachteile von Massagebehandlungen bei chronischen Schmerzen gehen. Du wirst erfahren wann sie Sinn machen und warum es sich trauriger Weise manchmal lohnt, sie in die Tonne zu treten.


„Ich kauf mir 'nen Masseur!“

In meinen Schmerzgruppen spiele ich oft mit der Vorstellung, was Du denn machen würdest, wenn Du 1 Mio Euro gewonnen hättest. Frage ich dies alle möglichen Menschen ohne chronische Schmerzen, so kommen die zu erwartenden Antworten wie „Zurücklehnen und Job aufgeben!“, „Sparen fürs Alter.“, „Aussteigen und eine Weltreise machen.“ oder Ähnliches.

Frage ich dies in meinen Schmerzgruppen, so leuchten überdurchschnittlich viele Augen auf und die die Antwort ist meist schnell gefunden: „Ich kauf mir nen Masseur!“


Nun ist es natürlich nicht so, dass Massage zu allen Schmerzpatienten passt. Solche mit neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen) halten davon meist lieber Abstand, da manchmal eine Berührung schon weh tun kann. …. ABER bei verspannter Muskulatur sind wir mit dem Streicheln, Ausstreichen, Kneten genau an der richtigen Adresse. Und jeder weiß, wie wohltuend und gut eine Massage sein kann, oder? Die meisten schwören darauf und möchten sie nicht missen, ja es gibt schier Terz wenn die Ärzte die Massage nicht mehr verschreiben wollen und der Physiotherapeut wird versucht zu überzeugen, dass die Massage viel besser ist als die lästigen, anstrengenden Übungen. Tatsächlich hatte ich schon oft genug Patienten vor mir sitzen, die verzweifelt waren, weil ihre Verordnung nicht verlängert wurde. Wenn ich, um damit klarzukommen, eine Therapiestunde nutze, muss da ja wohl was dran sein an dieser Massage. Aber was ist es denn nun, was dieses Verfahren für Patienten so wertvoll macht? Es gibt gute Gründe … aber eben nicht nur.


Massage hilft

Allerdings nur kurzfristig. Tatsächlich ist der kurzfristige Nutzen von Massagen ziemlich unbestritten und viele Studien belegen, dass sie sich im Großen und Ganzen ganz positiv auf das Schmerzerleben auswirkt. Wenn ich hier den Nerd auspacke, muss ich gestehen, dass allerdings auch immer wieder Studien mit mangelhafter Qualität erscheinen. Nicht dass sie sagen, dass Massage schlecht wäre, mangelhaft bezieht sich darauf wie die Studien geplant und durchgeführt oder ausgewertet wurden. So sind die Studien, die vorliegen sehr gemischt und ihre Aussagekraft auch unterschiedlich.

Verschiedene Mechanismen kommen für die Wirkung der Massage in Betracht. Hier kannst Du sehen, dass wahrscheinlich viel mehr wirkt als die Lockerung der Muskulatur:

  1. Physiologisch wirken hier natürlich die Lockerung, Dehnung der Muskulatur, das Lösen sogenannter Myogelosen (Hartspann der Muskulatur) für bessere Beweglichkeit und vor allem auch bessere Durchblutung. Vor allem Letzteres wirkt deutlich schmerzlindernd, indem die Neigung zu Entzündungsreaktionen reduziert wird und wieder mehr Sauerstoff über das Blut zu den Muskelzellen transportiert wird.

  2. Hormonell kommt es durch die Berührung und Zuwendung zu einer Ausschüttung von Oxytocin. Wie alle Hormone, hat auch dieses einige Funktionen, nicht nur das „Kuschelhormon“, als das es bekannt ist. Oxytocin kann nachweislich Schmerzen sehr effektiv hemmen und zwar nicht nur in den Gliedmaßen, sondern auch zentralnervös, also im Gehirn.

  3. Offiziell viel weniger beachtet sind die psychosozialen Komponenten der Massage. Diese sind aber mindestens genauso wichtig wie die körperlichen Wirkungen. Chronische Schmerzen machen oft einsam und tatsächlich wird körperliche Zuwendung oft weniger, auch in Partnerschaften. Nun ist es eine Eigenschaft der meisten Masseure und Physiotherapeuten recht zugewandt, verständnisvoll, offen und freundlich zu sein. Zusätzlich tun sie etwas, das nur wenige Berufsgruppen machen - sie berühren uns wohlwollend. Manchmal wissentlich, doch meist unwissentlich erfüllen sie ein ganz tiefes Bedürfnis nach Zuneigung. Das hilft, und wie!

Ist es da ein Wunder, weswegen wir Schmerzpatienten Massage einfach lieben? Wohl kaum! Wenn diese Intervention gut läuft wird alles bedient, wonach man sich sehnt - Zuwendung, Berührung, Schmerzreduktion, Beweglichkeit. Wow, welche Pille gibt mir das? Und dann kommt der Hammer: wenn ich Massagen überhaupt verschrieben bekomme, ist meist nach sechs Malen, höchstens zwölf, Schluss. Die Sündhaft teuren Opioide oder Antidepressiva werden aber weiter verschrieben, ohne mit der Wimper zu zucken.


So, und jetzt geht’s in die andere Richtung!

Wo ist dann jetzt der Haken an der Sache, der Pferdefuß? Den gibt es tatsächlich und auch wenn es bis jetzt eher ein Loblied auf die Massage war, rudere ich jetzt einmal radikal in die andere Richtung - vielleicht wird dann klar, warum Massage nicht endlos von den Kassen und Versicherungen finanziert wird.

Ja, Massage hat all diese Vorteile, die ich oben erwähnt habe. Doch es steht auch außer Frage, dass sie bei chronischen Schmerzen keine dauerhaften Erfolge bringt. Deswegen besteht so manches mal auch der Wunsch, sich einen Masseur zuzulegen. Er/sie sollte immer gleich greifbar sein - absolut nachvollziehbar, doch nicht dauerhaft hilfreich. Also:

  1. Massage hat langfristig keine guten Ergebnisse! Die Wirkung hält meist nur kurzfristig an, da sich die Muskeln meist aufgrund der Dysbalancen, körperlicher Schädigung, anhaltendem Stress oder schlicht fehlender Kraft schnell wieder verspannen. Bekannt? Den meisten schon. Bei chronischen Schmerzen würde das bedeuten, dass uns die Massage bis zum Ende unseres Lebens begleiten müsste.

  2. Außerdem, und jetzt wird es perfide, bindet uns genau das an das Gesundheitssystem: ein Angebot, dass so viele Dinge bedient wie eine Massage aber eben nur kurzfristig, will wiederholt werden. Unser Organismus ist ganz natürlich darauf aus, kurzfristig gute Ergebnisse, langfristigen vorzuziehen, das ist sozusagen Werkseinstellung der Natur. Wenn der Schmerz also abnimmt oder wir uns sogar dabei wohlfühlen schreit unser Körper also „Davon will ich mehr!“ Ein sicherer Schritt, sich in die Abhängigkeit von den Behandlern. Wenn ich da etwas bekomme, wonach es mich verlangt will ich es natürlich immer wieder (wer wollte das nicht?), vor allem wenn sich ein schlechterer Zustand wieder einstellt. Durchlaufe ich diesen Zyklus oft genug, habe ich irgendwann das Gefühl, nicht mehr ohne zu können … oder vielleicht etwas abgeschwächter, mir wird mulmig bei dem Gedanken darauf verzichten zu sollen/müssen.

So, wie kriegen wir da die Kuh vom Eis? Im Grunde kann ich das Gute mit dem Nützlichen verbinden um langfristig bessere Ergebnisse zu bekommen.



Zum einen kann ich die Erholung und bessere Beweglichkeit durch die Massage nutzen, um danach moderat zu trainieren und so die Durchblutung in der Muskulatur weiter anzuregen und Kraft aufzubauen. Bitte trainiere aber nicht so, dass Du wieder voll in den Schmerz rauschst.





Es spricht gar nichts dagegen, sich Massagen zu gönnen. Hier ist die Frage unter welchen Stern Du das Ganze stellst. Tu es, weil Du gut zu Deinem Körper sein willst, ihm etwas gönnst für seine harte Arbeit und trotz der Schmerzen noch so zu funktionieren. Du wirst feststellen, dass es viel schöner ist, sich aus Gründen des Genusses massieren zu lassen, als als medizinische Maßnahme. Dafür muss man dann auch mal in die eigene Tasche greifen - dafür sind Krankenkassen und Versicherungen dann nicht mehr zuständig.

Verbinde es vielleicht mit anderen schönen Dingen - danach gemeinsam Essen gehen mit Freunden, Partner, Kindern, in die Sauna gehen (wenn Du das magst), schwimmen gehen o.ä. Unternimm etwas Schönes und lass es Dir so gut wie möglich gehen.


Wie Du siehst gibt es gute Gründe für und gegen Massage. Wie siehst Du das? Lass uns etwas in den Kommentaren da.


Literatur:

Tsao, J.C.I. (2007). Effectiveness of Massage Therapy for Chronic, Non-malignant Pain: A Review. eCAM 2007;4(2)165–179 doi:10.1093/ecam/nel109


Kumar, S. et al. (2013). The effectiveness of massage therapy for the treatment of nonspecific low back pain: a systematic review of systematic reviews. International Journal of General Medicine 2013:6 733–741


https://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2016/dkfz-pm-16-12-Oxytocin-doppelt-wirksam-gegen-Schmerz.php

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